Ich brauche das, wirklich!

Diesen Satz habe ich vermutlich schon hundertmal gesagt, um einen manchmal mehr, manchmal weniger spontanen Kauf vor meinen Freunden, Mitbewohnern oder Eltern zu rechtfertigen. In einigen Fällen mag das sicher auch der Wahrheit entsprechen — meistens jedoch eher nicht.

„Guck mal, wie schön das ist. Ich musste das einfach kaufen!“
„So viel ist das doch gar nicht!“
„Jeder hat doch einen Tick! Ich mag halt Schuhe. Und Schals. Und Strickjacken.“
„Ich zieh‘ das alles an!“

Es hat lange gedauert, bis ich mir eingestanden habe: Kim, du hast ein kleines (großes) Kaufproblem. Das gefühlt zehnte Paar Vans musste echt nicht sein. Ich brauche auch keine drei fast identische dunkelgraue Strickjacken, auch wenn die Qualität noch so gut sein mag. Ist man bei Instagram oder auf Blogs unterwegs, ist dieser „Ich muss das haben und zwar sofort“-Effekt am stärksten. Man könnte glauben, der Kampf um die beste Selbstinszenierung ist einem Konsumwettbewerb gewichen. Wer hat mehr Geld auf dem Konto, um sich Trendteil XY zu kaufen, um es dann möglichst oft gekonnt in Szene zu setzen? Und mit gekonnt meine ich schön drapiert auf weißem Untergrund oder Dielenboden oder Trendstuhl Z. Das Logo muss gut zu erkennen sein, die Tasse Kaffee darf nicht fehlen, weil wir alle so viel arbeiten und so wenig schlafen. Wer viel arbeitet, der wird sich ja schließlich auch belohnen dürfen. Wer gerade leidet, muss sich belohnen. Oder so. Das könnte man vermutlich noch endlos weiterführen oder vielmehr: ad absurdum.

„Ich konnte nicht widerstehen!“ Ja, klar. Klamotten sind wie Crack. Bestimmt. Irgendwann merkt man dann hoffentlich, dass das alles ziemlich großer Quatsch ist. Meine zehn Paar Vans zum Beispiel, die sind Quatsch, ist mir irgendwann aufgefallen. Also kaufe ich keine Vans mehr und überhaupt weniger Schuhe. Im Falle eines Verkaufs überlege ich mir in Zukunft zweimal, ob ich mein Geld direkt wieder investiere. „Das kann ich viel eher gebrauchen!“ Ähm, ich denke nicht. Unser impulsives Junkie-Hirn ist tendenziell schon ein bisschen blöd.

In Bezug auf Konsum bin ich bestimmt keine Heilige oder jemand, der andere mit erhobenem Finger ermahnt. Ich kaufe nicht ausschließlich fair und vermutlich auch immer noch zu viel — aber ich arbeite daran. Allerdings bin ich durchaus der Meinung, dass sich viel ändern kann, wenn viele Leute nur ein wenig an ihrer Lebensführung ändern würden. Umso nerviger finde ich dabei die Kritikkultur, die sich im Netz etabliert hat. Kritisieren darf offenbar nur noch der, der selbst moralische Perfektion erreicht hat. Und wenn man vom Teufel spricht: Ich blicke gerade hoch und sehe in der Bahn ein paar Meter weiter zwei Echtpelzbommel wackeln. „Du isst Fleisch. Da kann ich doch Pelz tragen?“ Autsch. Alternativ ist man übrigens der Neider, der einem die Butter auf dem Brot nicht gönnt. Das ist auf jeden Fall eine logische Konsequenz. Person A kritisiert den Konsum von Person B sicher nur, weil Person A Trendteil XY lieber selbst hätte, es sich aber nicht leisten kann. Auch das mag in einigen Fällen der Wahrheit entsprechen, ist aber oft (fast immer) nicht so.

Für das kommende Jahr habe ich mir mit Ausnahme von handfesten Zielen wie meinem Masterabschluss und einem „richtigen“ Job nicht viel vorgenommen. Ein bisschen weniger, dafür bewussterer Konsum wäre schön. Weniger Konsumpräsentation bei Instagram. Und etwas mehr Willensstärke, wenn die leise Stimme im Kopf sagt: Du brauchst das, wirklich!

PS. Ich bin übrigens im Besitz des Trendteils Acne-Schal und kann sagen: Das Teil pillt, obwohl ich es wie ein rohes Ei behandle. Mein Ausflug in die Welt der teuren Teile endet also mit dem Fazit, dass „kostspielig“ nicht gleich „supergut“ ist und Wolle immer Wolle bleiben wird. Und die pillt eben.

Titelbild: © macromary (Flickr)

4 Comment

  1. Mit dem Text hast du gut den Punkt getroffen. Find ich gut, dass du dir für dieses Jahr weniger Konsum vorgenommen hast. Ich glaube, wenn man da echt Bock drauf hat, klappt das auch 🙂

    Lieben Grüß,
    Jana

    worteplustaten.wordpress.com

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  3. Alina says: Antworten

    Ich freue mich, dass du wieder bloggst! Es hat sich also doch gelohnt, immer mal wieder vorbei zu schauen in der Hoffnung auf neue Beiträge.
    Super Einstieg! 🙂

    Lieben Gruß
    Alina

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